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Rezension

Der kategorische Imperativ im Sterbezimmer

Ärztliche Heilkunst hat Gott und Natur den Zeitpunkt des Todes abgerungen, will ihn aber nur zögernd dem freien Willen des Menschen überantworten. "Wie wollen wir sterben?" fragt Notfallarzt Michael de Ridder und fordert ein neues Selbstverständnis der Medizin

 

Die Medizin ermöglicht es, den Zeitpunkt des Todes hinauszuzögern, immer weiter. Selbst die Definition des Todes selbst ist ausgefranst, aus vernünftigen Gründe hat sich die ärztliche Konvention auf den Hirntod festgelegt. Der moderne Patient stirbt sozusagen mehrere Tode, bevor er seinen Frieden bekommt. Aber ist die ärztliche Kunst, die den Tod blockiert, überhaupt noch im Sinne des Sterbenden? Der Internist und Notfallmediziner Michael de Ridder schildert in seinem Buch beklemmende Fälle, die das Gegenteil vermuten lassen. Er bricht eine Lanze für die Palliativmedizin, die im Gegensatz zu ihrer Schwester, der heilenden, kurativen Medizin, die Krankheit nicht beseitigt, sondern ihre Auswirkungen lindert, und er plädiert für eine ethisch begründete passive Sterbehilfe. Massive Kritik übt der erfahrene Arzt an der Einstellung, die hinter der Übermacht der kurativen Medizin steht, motiviert aus überschießendem Machbarkeitswahn. Das Buch zeigt auch, wie das technisch-rationales Weltbild, das Trimmen auf Erfolg nur noch um des Erfolgs willen, irgendwann hinüberkippt ins Groteske.
 
Was steht höher: das Leben oder der freie Wille?

Das richtige Maß ist ein antiker Begriff in der Philosophie, der überlebt hat, da die Lebenspraxis seine Richtigkeit immer wieder bestätigt. Kann es sein, dass es auch ein Zuviel an Leben geben kann, dass es falsch ist, das Leben absolut zu setzen, noch über den freien Willen? Ist so ein Gedanke überhaupt zulässig, nach den geschichtlichen Katastrophen, die in der Vorstellung wurzelten, es könnte so etwas wie unwertes Leben geben? Oder ist das richtige Maß verletzt, weil der freie Wille das Absolute und Endgültige geworden ist, sich gewissermaßen selbst zum Maß aller Dinge gekrönt hat? Muss das Leben oder der Wille höher stehen, beides Prinzipien, die bis vor kurzer Zeit im Dasein jedes Einzelnen ein harmonisches Paar bildeten und am Ende gemeinsam untergingen? Die Effizienz der Medizin trennt dieses Paar, entreißt der Natur oder Gott, je nach Standpunkt, die Entscheidung über Leben und Tod und übergibt sie dem Willen des Betroffenen – oder der Ärzte.

Das Heilen als oberstes Ziel der Medizin bekommt Konkurrenz

Die Rechtsprechung fährt hier eine klare Linie, der Patientenwille hat Vorrang. Das aufrüttelnde Buch de Ridders sieht die medizinische Praxis nicht auf der Höhe der Zeit, da sich viele Ärzte und ihre Standesorganisationen weigern, das Ziel, Leben zu erhalten, dem Willen des Patienten unterzuordnen – was auch mit einem Verlust von Macht verbunden wäre. Sollen sie doch einer nichtmedizinischen, nichtfachlichen Dimension wie dem Patientenwillen den Vorrang geben und die verlässlichen Strukturen analytischer, wissenschaftlicher und erfolgsorientierter Denkmuster verlassen.Aus der aktiven Rolle, orientiert Beherrschen und Beseitigen des Problems, in eine passive Haltung wechseln: hinnehmen, erdulden, aufgeben. Wobei der von de Ridder geforderte Paradigmenwechsel darin besteht, dass in einem gewissen Stadium die Lebensqualität des Patienten – ein nicht weniger anspruchsvolles, erkämpfenswertes Ziel – Vorrang vor der Beseitigung der Krankheit hat. Es scheint, dass die Mediziner Natur oder Gott die Entscheidung über Leben und Tod abgerungen haben, sie aber nicht dem Betroffenen überlassen wollen. Konsequent den Erhalt des Lebens im Auge, walzen sie die Befindlichkeiten des Sterbenden mit Apparaten und Technologie nieder.

Endspiel ohne Regeln

Der Autor plädiert dafür, die Palliativmedizin gegenüber der kurativen Medizin aufzuwerten, was Konsequenzen über die Technik hinaus hätte, da sich mit ihrem erweiterten Ziel der Schwerpunkt der Medizin insgesamt verlagern würde. Der Wille des Patienten darf aber nach de Ridder nicht in der Schmerzfreiheit seine Grenze finden, sondern muss auch darüber hinaus zu seinem Recht kommen. Ist es dann aber unausweichlich, dass jeder Arzt dazu bereit sein muss, Leben, und sei es durch Nichthandeln, zu beenden? Lässt sich in dieser Frage so etwas wie ein kategorischer Imperativ formulieren, der das richtige Handeln vorgibt? Völlig zu Recht kann und darf es einen solchen Imperativ ja für den Sterbenden oder den Betroffenen, der seine Patientenverfügung formuliert, nicht geben – es ist seine freie Entscheidung. Kein Mensch kann einem anderen vorgeben, wie viele Jahre Wachkoma akzeptabel wären vor einem Abbruch der Behandlungen. Das Vertrackte ist nun, dass natürlich für Arzt und Patienten dieselbe Erkenntnistheorie, dasselbe Raster für Richtig und Falsch gilt, und auch ein Arzt muss das Recht haben, hier gemäß seinem Willen zu handeln. In dem Endspiel dieser Art gibt es keine Regeln. Kategorisch ist daran nur noch, dass es keine kategorische Antwort geben kann. Da dem aber so ist, wäre es ein Widerspruch, einer der Positionen jeden grundsätzlichen Respekt abzusprechen. Ähnlich wie beim Thema Abtreibungen und generell Themen des Lebensschutzes geraten die Handelnden in einen Bereich, der professionell sicheren Grund verlässt und in reine Gewissensfragen hineinragt. Nach der Logik des freien Willens dürften auch Ärzte gegen ihren individuellen Willen weder dazu gezwungen werden, eine ihrer Ansicht nach sinnlose und qualvolle kurative Behandlung bei einem sterbenden Patienten fortzuführen, noch dazu, diese gegen ihren Willen abzubrechen.

Jenseits der Sphäre wissenschaftlicher Objektivität

Es gibt jenseits der beschriebenen Grenzen keine Ethik mehr, die zum allgemeinen Gesetz werden könnte, da diese Ethik nur noch individuell definierbar ist. Und es müsste in Zeiten, in denen es leichter ist als jemals zuvor, Informationen zu beschaffen, völlig selbstverständlich sein, dass unterschiedliche Krankenhäuser unterschiedliche Abteilungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten haben, in denen Ärzte mit unterschiedlicher Einstellung zur Sterbehilfe unterschiedliche Leistungen erbringen – kurative Medizin, palliative Medizin, Sterbehilfe. Und dies in gegenseitigem Respekt, in der Anerkennung der Tatsache, dass die Wissenschaft in dieser Frage die Sphäre verlassen hat, in der wissenschaftliche Objektivität ein wenigstens noch denkbares Kriterium ist. Jede Einrichtung wird künftig Kompetenzzentren bilden müssen, in denen Fachleute der genannten Richtungen vertreten sind und aus denen sich Ad-hoc-Ethikkommissionen bilden lassen. Ein Sterbewilliger muss das Recht haben, in die medizinische Obhut von Ärzten zu gelangen, die mit Herz und Verstand hinter ihrem Handeln stehen und nicht dazu gezwungen werden. Zweifelsfälle wird es immer geben, das liegt in der Natur der Sache, aber immerhin besteht die Hoffnung, dass eine Organisation, die sich um Kompetenz für diese medizinisch letzten Fragen bemüht, für das Thema sensibilisiert ist. Was dann verhindern hilft, dass eine 87-Jährige komatöse Patientin, wie von de Ridder geschildert, gewaltsam und mit gnadenloser Routine ins Leben zurückgeholt wird. Der Autor vergleicht die verantwortlichen Ärzte mit „Menschen, die nicht wissen, was sie tun, Kindern gleich, die ungerührt Frösche zu Tode quälen“.

Ein Krankenhaus, das mit dem Thema offensiv umgeht, auch in seiner Darstellung nach außen, lässt eine Identität erkennen, die den Patienten und seine Angehörigen Anhaltspunkte über die Linie der Einrichtung gibt. Ein solches Krankenhaus, eine solche Betreuung werden sich viele, die de Ridders drastische, beklemmende Schilderungen lesen, als letzte Lebensstation wünschen.

Hans-Joachim Hoffmann
19. Mai 2010

 

Infos zum Buch


Michael de Ridder:
Wie wollen wir sterben?

Ein ärztliches Plädoyer für eine neue Sterbekultur in Zeiten der Hochleistungs- medizin
DVA, München 2010; gebunden, € 19,95


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