Ideen. Impulse. Innovationen.

Essay

E-Books und der digitale Medienwandel

Luther wäre begeistert: Die elektronischen Bücher kommen - und damit endlich Lesegeräte für die digitalisierte Weltkultur

Es war ein für damalige Verhältnisse atemberaubendes Tempo, in dem der Reformator die Ergebnisse seines Nachdenkens unters Volk brachte. Luther vertraute dabei ganz seinem Lotter. Die noch junge Drucktechnik mit beweglichen metallenen Lettern versetzte Melchior Lotter, Drucker zu Wittenberg, in die Lage, das von Luther übersetzte Neue Testament 1522 in einer Erstauflage von 3000 Exemplaren herzustellen. Der Bestseller war nach drei Monaten vergriffen - gut, dass mit Hilfe der neuen Maschine gleich nachgelegt werden konnte. In 15 Jahren wurden etwa hunderttausend Exemplare gedruckt, Johannes Gutenberg hatte es mit seiner lateinischen Bibel ein halbes Jahrhundert zuvor nur auf 180 Exemplare gebracht. Damals wurden die noch nicht gebundenen Bücher übrigens in Fässern zu den Kunden transportiert.

Reformation in Deutschland: das sind öffentliche Debatten über Bibel und Bekenntnis. Das sind gedruckte Flugschriften mit bösen Karikaturen von Papst und Klerus. Das ist vor allem ein Ringen um die rechte Interpretation der Bibel. Luthers Bibelübersetzung war für jeden erreichbar, der es sich finanziell leisten konnte. Sich selbst ein Bild zu machen, statt sich eins vorsetzen zu lassen, selbst in die Quellen zu schauen, statt sich aus ihnen irgendetwas zitieren zu lassen: das ist ein Urimpuls der Reformation und die Grundlage evangelischen Bildungsstrebens. Selber lesen, selber denken, mündig glauben.

Ein technologischer Entwicklungssprung wie der Buchdruck

Martin Luther hatte seine Freude am Buchdruck und hätte sie heute an der elektronischen Version: Sie ist ein technologischer Entwicklungssprung, so wie der Buchdruck vor einem halben Jahrtausend eine Medienrevolution in Gang setzte. Der Durchbruch des E-Books wird zwar seit fast zehn Jahren regelmäßig angekündigt, aber jetzt könnte es tatsächlich so weit sein. Mit neuer Technologie, nämlich der elektronischen Tinte, kommen Lesegeräte auf den Markt, deren Finessen über die Funktionen von Handy oder Computer hinausgehen. Sie werden die Welt des Geistes und des Wissens noch bequemer für das elektronisch vernetzte Individuum erreichbar machen - weil sie wieder verbinden, was der Computer getrennt hat, nämlich Lektüre und Muße. Wer liest schon gern längere Texte am PC-Monitor? E-Book-­Reader hingegen sind handlich, schreibtisch- wie sofatauglich, die dargestellten Buchseiten sehen aus wie gedruckt. Sie vereinen das Gute am Buch mit dem, was Informationstechnik hergibt.

Als die berühmte Bibliothek von Alexandria im ersten vorchristlichen Jahrhundert in Flammen aufging, sollen bis zu 700.000 Buchrollen vernichtet worden sein. Was damals verbrannte, würde heute auf eine oder ein paar wenige Speicherkarten passen. Mit diesen lässt sich beispielsweise das in der Grundausstattung 200 Bücher fassende elektronische Gedächtnis des Lesegeräts Kindle (sprich: kindl) erweitern, der Technikbestseller des amerikanischen Onlineversandhändlers Amazon. Eine kulturelle Amnesie wie im antiken Alexandria wäre nicht mehr denkbar, trotzdem sieht mancher heute das Buch an sich bedroht - und zwar durch die neuen Lesegeräte selbst. Der Kindle brachte das Thema wieder auf die Agenda der Technikfreunde wie der Kulturpessimisten.

Buchhändler als Content- und Hardwareberater

Vielleicht ist es ja so, dass sich junge Leute, die sich vielfach mit dem Bücherlesen schwertun, gerade durch die Schnelligkeit und Vielseitigkeit des neuen Mediums faszinieren lassen. In den USA haben Kindle-Besitzer inzwischen die Wahl unter 200.000 Büchern, die sie ohne Verbindungskosten über ein Mobilfunknetz herunterladen können, der Preis liegt bei knapp zehn Dollar - Schnäppchen gegenüber den papierenen Geschwistern, meist um die Hälfte günstiger. Die Schriftgröße des Lesegeräts lässt sich je nach Sehkraft einstellen - ein Segen für ältere Menschen. Das Display überzeugt mit gestochen scharfer Schrift. Im Gegensatz zu Computerbildschirmen ist der weiße Hintergrund unbeleuchtet, das Display, genau wie bedrucktes Papier, auch bei hellem Licht ablesbar. Eine Lesestunde am Strand in der prallen Sonne? Kein Problem. Der Kindle verbraucht nur Strom beim "Umblättern", eine Akkuladung hält bei ausgeschalteter Funkverbindung eine Woche und länger - das ist auch ökologisch sehr korrekt. Es können einzelne Wörter in den Texten gesucht oder Kommentare und Lesezeichen eingegeben werden.

In den USA hat das Gerät eine Welle der Begeisterung ausgelöst, die nun auch nach Deutschland geschwappt ist. Die Branche hierzulande nimmt das Medium ernst und bereitet sich vor, wie kürzlich auf einer E-Book-Konferenz der Akademie des Deutschen Buchhandels deutlich wurde. Ob Kindle oder der vom Buchgroßhändler Libri angekündigte Sony Reader, ob im Internet oder im Buchladen erworben: Nun werden auch die deutschen Leser diese Geräte in den Händen halten.

Die Wahl will allerdings gut überlegt sein. Wie war das noch mit der freien Verfügbarkeit der Informationen? Amazon verwendet ein eigenes Dateiformat, die eingekauften Titel lassen sich auf den Geräten anderer Hersteller nicht darstellen. Einen anderen Weg geht der Sony Reader, der auf offene Dateiformate setzt. Und da der Kunde das elektronische Lesefutter zwar über die Internetplattform von Libri bestellen, aber dabei eine Buchhandlung seiner Wahl als Verkaufsstelle angeben kann, unterstützt er damit den Händler um die Ecke, der weiterhin als Führer durch den Bücherdschungel und als Hardwareberater gebraucht wird.

Zeichen einer stillen Revolution

Die neuen Lesegeräte sind aber letztlich nur die sichtbaren Zeichen einer viel umfassenderen, stillen Revolution: der Digitalisierung der Weltkultur. Rund um den Globus arbeiten sich unermüdlich Scanner durch das schriftlich oder bildlich überlieferte geistige Erbe der Menschheit und stellen es elektronisch zur Verfügung - kostenfrei oder verlinkt mit Kaufmöglichkeiten. So vermeldet die Google-Buchsuche inzwischen sieben Millionen gespeicherte Titel. Da wehren sich zwar deutsche Verleger zu Recht wegen verletzter Urheberrechte, aber die Entwicklung wird das nicht aufhalten, egal, wer von ihr profitiert. Die digitale Bibliothek Europeana will in den kommenden Monaten zehn Millionen Werke aus über 1000 europäischen Bibliotheken, Archiven und Museen über das Internet zugänglich machen. Der Bedarf ist da: Zehn Millionen Anfragen pro Stunde zwangen die Europeana-Server gleich nach der Eröffnung im November in die Knie. Das Projekt Gutenberg bringt Klassiker, deren Urheberrechte verjährt sind, zum kostenlosen Abruf ins Netz. International aktive Wissenschaftsverlage wie de Gruyter oder Springer stellen große Teile ihrer Zeitschriften- und Buchproduktion auf elektronische Ausgaben um - die Bibliotheken wollen das so. Noch schneller und bequemer sind die Quellen nicht erreichbar als durch die Kombination von elektronischem Buch und Internet.

Aber wird das E-Book mit dem Buch aus Papier ein Kulturgut verschwinden lassen, das seit Jahrhunderten unseren Alltag prägt? Kritiker meinen Ja. Oder sind E-Books, wenn schon nicht gefährlich, so doch "Medienbehinderungsmaschinen", wie ein Hörfunkautor urteilte? Wohl kaum. Das E-Book wird das Buch aus Papier und Druckfarbe nicht ersetzen, sondern sinnvoll ergänzen. Es wird über kurz oder lang seinen Markt erobern, wenn auch mit weniger Schwung als in den USA, unter anderem deshalb, weil die Spielräume für Preisnachlässe hierzulande geringer sind. Das herkömmliche Buch ist mit dem E-Book aber nicht am Ende. Papier und Elektronik werden einträchtig nebeneinander bestehen, so wie Livekonzert und MP3-Player, persönliches Gespräch und SMS, Museumsbesuch und Onlinebildergalerien einander ergänzen.

Martin Luther lobte in seinen Tischreden vor 500 Jahren die neue Drucktechnik. Sie helfe, Heilige Schrift, Künste und Wissenschaften zu bewahren und zu verbreiten: "Die Truckerey ist summum et postremum donum (das höchste und letzte Geschenk), durch welches Gott die Sache des Evangelii forttreibet. Es ist die letzte Flamme vor dem Auslöschen der Welt."

Das englische Wort "to kindle" bedeutet "ein Licht entzünden". Ob sich die Taufpaten eines der Lesegeräte bei der Namensgebung von Martin Luthers Begeisterung inspirieren ließen, sei dahingestellt. Aber der Reformator hätte sicher nichts dagegen gehabt.

Hans-Joachim Hoffmann

Der Essay erschien erstmals in chrismon - Das evangelische Magazin, Ausgabe April 2009.